Freitag, 07. Mai 2010

DruckenE-Mail

Zur Erinnerung an Heinz Schäfer, Darmstadt am 7. Mai 2010

Wolfgang Gehrcke

traueranzeige h.schäferVerehrte Trauergäste, liebe Angehörige, liebe Uschi, liebe Freunde und Genossen von Heinz Schäfer,
ich bin sehr traurig, von Heinz Schäfer Abschied nehmen zu müssen. Trost kann ich Ihnen, euch nicht geben, und eigentlich muss ich selbst getröstet werden. All zu oft wird gesagt, jeder sei zu ersetzen. Ich denke das nicht. Jeder Mensch mit seinen ganz speziellen Eigenschaften ist einzigartig. Heinz Schäfer war einzigartig in seiner Art, das Leben und die Gesellschaft zu gestalten, in seiner Familie zu Hause zu sein und mit Freundinnen und Freunden, Genossinnen und Genossen umzugehen.

Heinz Schäfer hat alles, was er machte, mit Leidenschaft gemacht. So habe ich Heinz kennen gelernt. Man konnte sich wunderbar mit ihm streiten, wenn man zu akzeptieren bereit war, dabei auch den Kürzeren zu ziehen. Heinz Schäfer hatte eine große Leidenschaft für das bessere Argument, für den guten Vorschlag und ebenso für neue Ideen. Heinz war von einer bewundernswerten, konsequenten Sturheit, die Sache zu verfechten, die für ihn die gerechte Sache war. Das Feuer der Leidenschaft vermisse ich bei vielen heutzutage, Heinz hatte es überreich. Wir trafen zusammen, zufällig oder auch verabredet, und schon war man in einen Meinungsstreit eingefangen. Heinz' Augen blitzten, und aus der reichhaltigen Kenntnis der Geschichte linker Bewegung hatte er eine passende Antwort, ein begründetes Beispiel oder eine streitbare Auffassung parat.

Das Wirken von Heinz gehört zur Geschichte unseres Landes, es gehört sicher zur Geschichte von Kommunistinnen und Kommunisten, von linken Bewegungen. Heinz konnte die Geschichte des KPD-Verbotes und des Kampfes dagegen lebendig werden lassen wie kaum ein anderer, gleichzeitig aber mit gelebtem Kummer darüber sprechen, wie sehr ihn die Verfolgung von Andersdenkenden, oder auch nur vermeintlich anders Denkenden in der kommunistischen Bewegung verletzt hat.

Diese Fähigkeit, geradlinig zu sein, sich nicht unter schnödem Machtwillen verbiegen zu lassen, ist in der Politik nicht all zu häufig. Heinz Schäfer war ein Redner, der begeistern konnte. Aber nur deshalb, weil er selbst begeistert war und mit seiner Begeisterung andere immer wieder angesteckt hat. Die moderne .Coolness', nichts an sich heran zu lassen, war sein Ding nicht. Heinz hat alles an sich heran gelassen, das machte ihn verletzlicher, als viele es vielleicht wahrhaben wollten.

Ich bin mir sicher, dass Heinz, hätte er die Auswahl gehabt, ob er sich selbst unter der Überschrift „Der unerschrockene Genösse" oder lieber „Der erschrockene Genösse" verorten wolle, er den Platz des „erschrockenen Genossen" gewählt hätte.

Ich bin mir sicher, dass Heinz, obwohl wir nie darüber gesprochen haben, mit einer großen Liebe seiner Familie zugetan war. Seine Familie, das waren auch die beiden Deutschlands. Ich glaube nicht, dass Heinz einfache Urteile fällte. Aber ein besseres Deutschland hat sich bei ihm immer mit dem Antifaschismus verbunden. Vielleicht hat Heinz in seiner Person das bessere aus beiden Deutschlands zusammenführen wollen. In seiner Person widerspiegelt sich auch der Wunsch vieler Menschen aus der Arbeiterbewegung nach Einheit, die wir nicht erlangen konnten.

Bisher zumindest nicht. Heinz war Mitglied der KPD, der SED, der DKP, dann der PDS und der LINKEN. Sagen wir es einmal so: Die Namen, die konkreten Programme und die Parteien haben sich geändert; das Wollen von Heinz Schäfer und sein Wunsch nach einer Welt ohne Kriege, ohne Ausbeutung, mit mehr Gerechtigkeit ist gleich geblieben.

Wichtig für Heinz war immer die gewerkschaftliche Bewegung, die Einheitsgewerkschaft mit ihrer Politik, mit ihren Stärken und Schwächen in Theorie und Praxis. Ich selber habe mit Heinz Schäfer oft gestritten. Ich mag Leute, mit denen ich streiten kann. Manchmal, sicher nicht immer, fehlen sie mir sogar. Heinz fehlt mir. Heinz und ich, wir diskutierten in der DKP über den richtigen Weg, wir konnten ihn für uns finden, für viele andere nicht. Wir wollten nach der deutschen Vereinigung, dass
auch eine Vereinigung der Linken aus Ost und West stattfindet und die Tür, dass sich Linke unterschiedlicher Richtungen aus beiden Teilen Deutschlands zusammenfinden können, sich öffnet.
Hin und wieder hatte ich die Debatten satt, heute vermisse ich sie.

Für Heinz Schäfer stand es unumstößlich fest: Kein Sozialismus ohne Demokratie und keine Demokratie ohne Sozialismus. Wie Recht er hat! Ich glaube, dass Heinz glaubte, er könne den Sozialismus in ganz Deutschland und Europa noch erleben. Einen Sozialismus, der einlöst, dass der Mensch des Menschen Freund wird, oder wie es Marx schrieb, der alle Verhältnisse umwälzt, die aus dem Menschen ein entrechtetes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen machen.' Heinz hat seinen Anteil, das einzulösen, geleistet. Er ist für uns eben unersetzlich, weil er einzigartig war.

Anzeige:
Download

zurück